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Einzelbildanimation: Plastik hat Zukunft

Dies ist der erste von vier Artikeln, die Rosie Tremlett zum Thema „Spaß mit LEGO®“ verfasst hat.

Heutzutage ist LEGO® auch auf YouTube vertreten: Da tanzen LEGO Minifiguren, führen Selbstgespräche und retten sogar die Welt. Die LEGO Einzelbildanimationen sind sprunghaft angestiegen, denn dank Internet ist es nun viel einfacher als früher, solche Animationen zusammenzustellen und anderen zugänglich zu machen.

Die Animationsvielfalt im Internet ist schier endlos. Die Website www.brickfilms.com hat sich beispielsweise ausschließlich LEGO Trickfilmen gewidmet und bietet neben Profilen der Regisseure auch Wettbewerbe, Einführungen und ein Bewertungssystem an. Von Horror bis Drama ist jedes Genre vertreten, doch der Trend der ungemein beliebten Animationen geht ganz klar zu humorvollen Parodien wie z. B. der LEGO Umsetzung von Eddie Izzards „Cake or Death“-Wutausbruch, dem „Simpsons“-Intro auf LEGO Art oder dem unglaublich detaillierten LEGO „Super Mario“. Die bunten, knubbeligen Plastikpersönchen verwandeln mit ihrer ganz eigenen Interpretation von berühmten Figuren einfach jede Story in einen absoluten Lacher.

Für das Science-Fiction-Genre kommen die LEGO Steine wie gerufen, denn ihre eckige Form, die an die kultige Computergrafik der frühen 90er Jahre erinnert, bietet sich für die Darstellung von Robotern und Astronauten geradezu an. Dass „Star Wars“-Parodien ganz oben in der Beliebtheitsskala stehen, dürfte nicht weiter überraschen. Der Sci-Fi-Filmstein wurde allerdings von einem anderen Filmepos ins Rollen gebracht, nämlich Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Dieser Streifen war Teil eines Wettbewerbs, bei dem es galt, einminütige Filme zu drehen, die auf dem Kultklassiker basierten. „ONE: A Space Odyssey“, eine gekürzte LEGO Version des Films, war die erste Produktion von Tony Mines und Tim Drage, die zusammen unter dem Namen SpiteYourFace Trickfilme produzieren. Als sie sich für den Wettbewerb anmeldeten, mussten sie nicht lange überlegen, wie ihre Interpretation dieses Klassikers aussehen sollte. „Uns war sofort klar, dass wir uns an einer LEGO Adaption von Stanley Kubricks '2001' versuchen würden. Da gab es überhaupt keine Zweifel“, erinnert sich Tony. „'2001' erinnert optisch an die späten 60er-, frühen 70er-Jahre und ähnelt damit den klassischen LEGO Weltraummodellen. Es war also nur logisch, in unserer Adaption des Films aus dem Jahre 1969 einen Astronauten von 1979 einzusetzen“, fügt Tim hinzu. „Je länger wir darüber nachdachten und an den Modellen bauten, desto mehr glaubten wir an unser Konzept.“

Der Trickfilm erwies sich als Volltreffer und ließ die LEGO Gruppe auf das Duo aufmerksam werden, das zu diesem Zeitpunkt mit der Vorbereitung der Animationsserie „LEGO® Studios“ beschäftigt war. Auf einmal waren SpiteYourFace die Macher von LEGO Trickfilmen und lieferten einen Hit nach dem anderen ab, die für verschiedene Werbeaktionen und Projekte eingesetzt wurden. Den Anfang machte die urkomische LEGO Adaption der Camelot-Szene aus dem Film „Die Ritter der Kokosnuss“ von Monty Python, die jetzt als Extra auf der DVD zu finden ist. Kurz darauf folgten „The Han Solo Affair“ und „The Peril of Doc Ock“. Die Umsetzung solch epischer, komplexer Filme mit LEGO Steinen war bestimmt nicht einfach. Ich habe mir daher von den beiden Trickfilmern einmal genauer erklären lassen, wie es ihnen gelungen ist, hochprofessionelle Filme mit LEGO Minifiguren in den Hauptrollen zu produzieren. „Man muss Dinge anders darstellen und neue Kommunikationswege entwickeln. Weil die Figuren weder Ellbogen noch Knie haben und z. B. auch nicht klatschen können, ist es wichtig, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Wir haben Szenen mit vielen Bewegungen nicht einfach ausgelassen, sondern unsere Geschichten entsprechend angepasst. Normalerweise würde man denken: Wenn in einer Filmszene getanzt wird, muss auch die LEGO Figur tanzen. So einfach ist das aber nicht, denn sie besitzt ja viel weniger Gelenke als ein Mensch. So etwas muss man also irgendwie umgehen.“ Das Team von SpiteYourFace ist sich der publikumsträchtigen Wirkung der LEGO Steine wohl bewusst und versucht daher, sie nicht zu sehr herauszustellen. Die Zuschauer sollen sich im Film verlieren, in die Action eintauchen und sich mit den Figuren identifizieren. Sie sollen die LEGO Steine als Teil eines Ganzen wahrnehmen und nicht denken, sie wären nur ihrer selbst wegen verwendet worden. „Ziel ist es, bereits nach 30 Sekunden zu vergessen, dass alles aus LEGO Steinen besteht. Vielen Laien scheint es eher Spaß zu machen, darauf hinzuweisen, dass es sich lediglich um Spielzeug auf einem Tisch handelt. Doch erst wenn es ihnen gelingt, diese Reaktion hinter sich zu lassen, ist der erste Schritt zum Filmproduzenten getan“, so Tony.

Warum also sind gerade LEGO Trickfilme so beliebt? Kein anderes Spielzeug erfreut sich so großer Beliebtheit. Die Popularität von LEGO wächst und wächst. Außerdem lassen sich LEGO Steine mit Leichtigkeit zum Leben erwecken. Was als Privileg professioneller Studios wie Aardman begann, hat sich dank individuell gestaltbarer Minifiguren, die immer wieder neu positioniert werden können, und der grenzenlosen Konstruktionsmöglichkeiten der verschiedenen Bausets zu einem leicht zugänglichen, lustigen Hobby für alle Altersklassen entwickelt. Das allein erklärt aber nicht den riesigen Erfolg. Das Geheimnis liegt vielmehr in der Faszination, mit vertrauten, weltweit bekannten Minifiguren, die über einen gewissen Kultstatus verfügen, eigene Persönlichkeiten und Handlungen entwerfen zu können. Ob man diese Tatsache nun betont oder wie SpiteYourFace eher herunterspielt – dem Charme der Minifiguren, die vor einer wunderschönen LEGO Kulisse ihre Abenteuer erleben, kann sich niemand entziehen.

Wer jetzt von einer eigenen Animation mit LEGO Steinen träumt, benötigt eigentlich nur eine Kamera oder Webcam und eine stabile Stellfläche, z. B. einen Küchentisch: Dies ist die Bühne, auf der die Figuren mit der richtigen Beleuchtung zu kleinen Filmstars werden. Bei Verwendung einer Webcam empfehlen sich die folgenden Freeware-Anwendungen für die Einzelbildanimation: FrameByFrame für Mac-Computer und MonkeyJam für Windows. Windows Movie Maker und iMovie, die beide kostenlos als Teil des jeweiligen Betriebssystems zur Verfügung stehen, eignen sich gut für die Bildbearbeitung und die Animation von Standfotos.

So entsteht ein Trickfilm:
1. Es ist wichtig, die Fenster abzudunkeln und für entsprechende Beleuchtung zu sorgen. Künstliches Licht ist besser als Tageslicht, das sich ändern und als Flimmern in den fertigen Aufnahmen zu sehen sein kann. Künstliches Licht hingegen lässt sich wunschgemäß anpassen. Tim von SpiteYourFace empfiehlt außerdem jedem aufstrebenden Trickfilmproduzenten, aus weißem Papier oder Alufolie einen Reflektor zu basteln und das Licht darauf zu richten, weil es besser ist, die Figuren durch reflektiertes Licht zu beleuchten anstatt direkt anzustrahlen. Der Reflektor streut das Licht, was zu weicheren, filmreifen Verhältnissen führt.
2. Nun ist Geduld gefragt. Um eine Bilderfolge zu erzielen, muss die Position eines jeden Objekts für jede Aufnahme ein wenig verändert werden. Je geringer diese Positionsänderungen ausfallen, desto fließender und professioneller sieht am Ende die Gesamtbewegung aus.
3. Auf www.brickfilms.com sind wichtige Einführungen zu finden. Darin werden die Trickfilmgrundlagen sowie schwierigere Techniken erklärt, z. B. das Bewegen der Münder und mimischer Ausdruck der Minifiguren.
4. Auch die Nachbearbeitung ist wichtig. In diesem Arbeitsschritt werden die Videos zeitgenau bearbeitet und erhalten einen flotten Anfang und ein ausgeklügeltes Ende. Musik- und Toneffekte verleihen dem Film Leben und Tiefgang. Dazu bedarf es lediglich eines Mikrofons oder Versatzstücken, die von Websites wie z. B. Soundsnap kostenlos heruntergeladen werden können.

Und nun noch ein paar Profitipps von den Leuten von SpiteYourFace: „Regel Nummer 1: Nicht die Noppen verwenden“, stellt Tony klar. Er ist strikt dagegen, LEGO Noppen in Trickfilmen als Stand- oder Gehhilfe einzusetzen. „Gerade weil es sich so offensichtlich anbietet, sollte davon abgesehen werden. LEGO Trickfilmer sollten nicht auf Annehmlichkeiten zurückgreifen, die sie bei anderen Trickfilmarten nicht hätten. Dort ist nämlich die Frage, wie die Modelle zum Stehen gebracht werden, definitiv die größte Herausforderung. Auch wenn dieses Problem bei den LEGO Minifiguren normalerweise wegfällt, sollte mehr Wert auf die Produktion eines Films gelegt werden. Es geht nicht einfach um die Lösung der simplen Frage, wie eine Figur von A nach B gelangt.“ Am besten behandelt man die Figur wie echte Schauspieler. „Mit einer LEGO Minifigur verbindet man normalerweise eine bestimmte Rolle, wie z. B. die eines Soldaten. Diesen Gedankengang gilt es zu durchbrechen, sodass die Figur als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wird und in Filmen individuell eingesetzt werden kann.“

Da Webcams und Computer technisch immer ausgereifter und billiger werden, steht auch Amateuren der Einstieg offen. Die LEGO Steine beinhalten endloses Potenzial, was uns in Zukunft mit Sicherheit immer bessere Trickfilme von sowohl Amateuren als auch Profis bescheren wird. In der LEGO Trickfilm-Community sind Menschen jeden Alters vertreten. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden gleichermaßen dazu ermutigt, eigene Projekte umzusetzen und sie anderen zugänglich zu machen. Wer weiß, vielleicht bekommen wir ja sogar eines Tages den ersten LEGO Film in Spielfilmlänge zu sehen!

Rosie Tremlett arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Schriftstellerin. Momentan studiert sie englische Literatur und Deutsch an der Universität Oxford.




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